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1976 erschien der erste
Kriminalroman mit dem Kommissar Ernst Bienzle als Hauptfigur. 30 Jahre später
betritt er nun im Alten Schauspielhaus zu Stuttgart zum ersten Mal die Bühne.
Dazwischen gab es immer wieder neue Bienzle-Romane, dann auch Hörspiele mit dem
wunderbaren Dieter Eppler in der Hauptrolle. Schließlich spielte, ab 1990, Dietz
Werner Steck den Ermittler im Tatort des ARD-Fernsehens, inzwischen 22 Mal. Er
wird ihn nun auch im Theaterstück verkörpern. Wobei man sich fragen muss,
„verkörpert“ Steck den Bienzle oder verkörpert nicht schon manchmal Bienzle den
Steck, so sehr sind die beiden eins geworden.
Für den Autor, der die Figur geschaffen hat, war das zu Anfang erst einmal keine
ganz einfache Situation. Ich werde nie vergessen, wie ich bei unserer ersten
persönlichen Begegnung zu Dietz Werner Steck sagte: „Sie…“ (damals waren wir
noch per Sie, was sich rasch geändert hat)
„...Sie stehen mir beim Schreiben im
Weg.“ Denn in Wirklichkeit sah er anders aus, als ich ihn auf der Bühne des
Stuttgarter Staatstheaters in Kostüm, Maske und entsprechend ausgeleuchtet,
erlebt hatte. Steck war kleiner, schmaler, zierlicher als er mir dort erschienen
war. Und er hatte auf Anhieb gar nicht so viel von dem Bienzle in meinen
Romanen, der für mich immer auch so etwas wie mein Alter Ego war.
Es blieb nicht lange so. Die Figur des Ernst Bienzle veränderte sich fast
unmerklich. Der Romanbienzle und der Fernsehbienzle näherten sich behutsam an
und verschmolzen irgendwann miteinander. Und so sind ihm die Leser wie auch die
Fernsehzuschauer treu geblieben. Es gibt nun 15 Romane, eine Reihe von
Kurzgeschichten und am Ende werden es 25 Tatorte sein, mit diesem schwäbischen
Dickschädel, vier Hörspiele und „Bienzle und der Mord am Neckar“ als erstes
Bühnenstück.
Jedes Mal ist es eine ganz andere Arbeit für den Autor. Im Roman hat der
Schriftsteller alle Möglichkeiten, Bilder, Gedanken und Dialoge zum Leben zu
erwecken. Zwar hat er dafür nur Wörter zur Verfügung, aber auch die Phantasie
seiner Leser. Stimmungen, Atmosphäre, Dramatik, Humor – all das und noch viel
mehr erzeugt er ausschließlich mit seinen sprachlichen Mitteln. Er kann in
epischer Breite erzählen, nachdenklich über das, was passiert, reflektieren.
Seinen Gedanken nachhängen und die Leser daran teilhaben lassen. Kein Regisseur
gibt ihm die Zahl der Personen und der Spielorte, schnelle Bildwechsel oder ein
bestimmtes Erzähltempo vor.
Im Hörspiel sind die Möglichkeiten ungleich schmaler. Es stehen ja nur Dialoge
und Geräusche und immer auch nur eine begrenzte Zahl von Figuren zur Verfügung.
Aber der Autor ist nicht mehr alleine der Schöpfer des Werkes. Ein(e)
Regisseur(in) wirkt mit, ebenso Schauspieler und jene Leute, die für die
Geräusche zuständig sind.
Extremer noch ist das beim Film, wo die Dimension der bewegten Bilder noch
hinzukommt. Der Autor ist zwar noch immer der originäre Schöpfer des Drehbuchs,
aber der Film der nach diesem Script entsteht, ist dann das Ergebnis kollektiver
künstlerischer Arbeit. Und nicht selten erkennt der Verfasser des Drehbuchs
seine Geschichte am Ende kaum wieder.
Und auf dem Theater? Eine Schauspielaufführung entsteht anders als ein Film. Sie
wächst in den Proben. Der Respekt der Theaterleute vor dem Autor ist – so habe
ich es jedenfalls bisher erlebt – größer als jener der Filmleute. Das Werk ist
erst fertig, wenn der Vorhang hoch geht, und so lange ist der Autor gern
gesehener „Mitspieler“, während er am Film- oder Fernsehset mit allen Mitteln
fern gehalten wird. So fällt es dem Schriftsteller am Theater auch leicht, Dinge
zu ändern, wenn ihn der Regisseur oder ein Schauspieler überzeugt. Das habe ich
beim „Stuttgarter Hutzelmännlein“ nach Mörike und auch beim „Schwabenblues“
erlebt. Auch „Bienzle und der Tod am Neckar“ hat von den Ideen des Regisseurs
Volker Jeck profitiert. Seine Idee waren die Szenenübergänge, die jetzt dem
Stück erst den richtigen Fluss geben. Bei dem bevorstehenden Stück in der
Komödie im Marquardt „Selbscht ischt d´r Mann!“ hat der unvergleichliche Walter
Schultheiß uns Autoren die Schlusspointe geschenkt. Wo geschieht so etwas
heutzutage noch? Am Theater! Und so kann ich mich darüber freuen, dass ich gegen
Ende meines inzwischen 48 Jahre währenden Autorenlebens immer noch das Glück
habe, etwas Neues zu lernen. Auch deshalb fühle ich mich beim Theater besonders
gut aufgehoben. |